Baiona –> Vigo / 24,3km
„The woman you want to become is built by the choices you make when doubt is loud.“



Weil ich heute einige Kilometer vor mir habe und weiß dass es wärmer werden soll, habe ich mir einen Wecker gestellt, um früh loszukommen und der Wärme zu entgehen. Um 06:00 Uhr klingelt der Wecker. Um 06:30 Uhr gehe ich los. In der Dunkelheit. Ich schaue nach und stelle fest, dass Sonnenaufgang erst gegen 07:50 ist. „Auch irgendwie romantisch!“ denke ich bei den ersten Schritten. Doch nach einigen weiteren spüre ich, wie sich irgendwas in mir ändert. Ich bekomme Unwohlsein. Ich laufe mit Handytaschenlampe einen Feldweg lang. Das ist nicht weiter schlimm. Dunkelheit ängstigt mich nicht. Aber die betrunkenen Überbleibsel der Nacht tun es. Ich verstehe nicht was sie reden. Ich halte kurz an und packe mein Portemonnaie um. Karten – vor allem meinen Ausweis – getrennt vom Geld. Sollte jemand auf die Idee kommen mich auszurauben, so komme ich immerhin irgendwie nach Hause. Ich laufe über eine Brücke, verstecke meine Haare unter meiner Cap und versuche möglichst sicher und selbstbewusst weiter zu laufen.
Der Jakobsweg ist sicher, davon bin ich überzeugt, aber vor den „normalen“ (wtf) Gefahren ist man ja trotzdem nicht geschützt. Ich erkundige mich auf keiner meiner Reisen vorher, wie sicher Stadt oder Ort sind, in die ich fahre. Eigentlich ist es auch egal.
Ich bin draußen. Ich bin eine Frau. Mehr brauche ich nicht zu wissen.






Nach einiger Zeit wird es heller. Die Straßen leerer und ich packe wieder alles zurück. Auch meine Anspannung.
Normalerweise hätte ich bei solchen Situationen vermutlich mein Handy in der Hand gehabt. Das bringt mich hier auch nur so bedingt weiter. Sowieso ist mein Handy so ein Thema auf dieser Reise. Die meiste Zeit ist es offline. Ich hole es eigentlich nur heraus, wenn ich ein Foto machen oder etwas nachschauen will.
Die ersten Tage habe ich es im offline Modus regelmäßig sinnlos aus meiner Tasche gezogen und drauf getippt. Da fiel mir mal wieder auf, wie oft ich diese Handbewegung mache. Ich habe sämtliche Benachrichtigungen ausgeschaltet, was geholfen hat, auch auf kein vibrieren reagieren zu müssen. Und jetzt liegt es zeitweise fast 6h unberührt in meinem Rucksack. Im Alltag unvorstellbar. Ich liebe es, Storys, Beiträge und Reels zu gestalten. Es macht mir Spaß. Aber ich hätte vermutlich jeden Abend mindestens eine Stunde damit zugebracht, die richtigen Bilder, die richten Songs und das richtige Format auszuwählen. Eine Stunde Zeit, in der ich nicht aufsaugen kann, was um mich herum passiert. Sicherlich würde man sich zu Hause über ein paar Bilder oder Nachrichten freuen, aber ich habe mich ja bewusst dafür entschieden das Handy aus zu lassen. Ich bin 52 Wochen im Jahr, 24/7 erreichbar.
Ich werde kein schlechtes Gewissen haben, dass ich mich jetzt 2 Wochen priorisiere.







Sonntag morgens in Spanien ist es erstaunlich schwierig, ein offenes Café zu finden. Zumindest auf den Wegen, die ich gehe. Und so kommt es, dass ich von einem feuchten Wald, in den nächsten stolpere. Bergauf, bergab. Stock. Stein. Schöne Aussicht. Aber kein Café, kein Restaurant. Am Ende sind es knapp 15km ohne Pause, bis ich einen Kaffee, ein Croissant und eine Toilette erhalte. Okay. Manchmal gibt der Jakobsweg einem offenbar nichts… außer Geduld.
Meine Stimmung war kurz davor auch wirklich auf dem Tiefpunkt. Nicht dass ihr denkt, ich würde die ganze Zeit breit grinsend und tief gedankenversunken pilgern. Häufig stolpere und hechle ich so durchs Gelände und denke mir: „Verfickte scheiße, wann ändert sich der Weg endlich wieder?!“




Aber ich komme an, wie immer. Dieses Mal in Vigo. Und plötzlich scheint es, als hätte man mich auf dem Autohof einer nahen Großstadt ausgesetzt. Es ist laut. Es gibt Autohäuser, Menschen und Verkehr. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinschauen soll. Gut dass Sonntag ist, alle Geschäfte geschlossen haben und dadurch vermutlich noch moderat viel los ist. Ich bin trotzdem überfordert. Als wäre ich das erste Mal in einer Stadt. Gelbe Pfeile werden nebensächlich.
Meine Albergue liegt mitten in der Altstadt. Das ist gut. Hier ist zwar genau so viel los, aber immerhin ist es schön anzusehen. Um 15 Uhr kann ich einchecken. Das tue ich auch, bekomme mein Bett im riesigen Schlafsaal (entgegen der Angaben von Booking, sind Frauen und Männer hier nicht getrennt und die 20 Betten stehen formal in einem Raum) und gehe duschen. Ich hänge meine gewaschene Wäsche auf und ziehe los. Hunger! Und beim ersten Restaurant, welches mich mit „Kitchen closed!“ abwimmelt, fällt es mir wieder ein: Siesta. Darüber bin ich die Tage schon öfter gestolpert. Das ist mir so fremd, dass ich es immer wieder vergesse. Das Restaurant, in welchem ich essen wollte, schließt um 16 Uhr und öffnet erst wieder um 20 Uhr. So wie die meisten hier. Eigentlich so gut wie alle. Um 20 Uhr liege ich aber bereits im Bett und ich habe jetzt, um 16 Uhr, unfassbaren Hunger. Nach 2 weiteren Lokalen (ebenfalls „Kitchen closed“) bin ich drauf und dran zu Burger King zu gehen, als mir auf dem Weg dorthin eine Pizzeria begegnet, die ganz nett aussieht. Pizza again statt Burger, aber hauptsache essen. Die Trüffel-Champignon-Pizza ist wirklich gut. Dabei denke ich an einen Flyer, den ich mir in Porto in den Rucksack steckte. Dort schreibt eine Camino-Ratgeberin, dass sie in Vigo noch nie gut gegessen hätte und Vigo an sich, eine hässliche Stadt sei.





Nach dem Essen schlendere ich durch die Altstadt. Ich kann nicht zu 100% bestätigen, was sie schreibt. Eigentlich ist es ganz niedlich hier. Ich hole mir ein Eis und gehe weiter. Okay… es ist voll. Daher sitze ich später mit meinem Bier und meinen Nüssen, unweit der vollen Kneipe, vor der Kathedrale und genieße die Sonne. Und es ist etwas laut, aber das scheint auch der Tatsache geschuldet, dass Vigo heute gegen Bilbao spielt. Es sind viele Fußballfans unterwegs. Erstaunlicherweise sehe ich mehr Bilbao-Trikots, als Vigo-Trikots. Entweder haben die eine krasse Auswärts-Fankultur oder es gibt andere Umstände, die ich natürlich nicht kenne.
Gegen 18:30 Uhr leert sich die Altstadt um einiges. Um 21:30 Uhr ist Anpfiff und damit erklärt es sich für mich.
Ich gehe mit meinem Bier zurück in Richtung Kneipe und setze mich draußen an den Tresen.
Hier bleibe ich bis 23 Uhr und schreibe die ersten Zeilen meines Tagebuchs.