Viana do Castelo –> Vila Praia de Âncora / 18,5km

„We need quiet time to examine our lives openly and honestly.“

Ich schleiche mich morgens mit all meinen Sachen leise aus dem Schlafsaal. Ich höre zwar, dass mindestens eine weitere Person wach sein muss, aber will trotzdem so wenig Unruhe wie möglich machen. Schließlich ist es gerade erst 06:30 Uhr.

Ich gehe ins Gemeinschaftsbad, blinzle dem grellen Licht entgegen und stelle fest: hier tobt das Leben. So einige Pilgerinnen sind schon wach, packen, putzen Zähne und bereiten sich auf den Tag vor. Ich reihe mich ein. Es wirkt fast ein bisschen idyllisch. Auch Paula und Helena stoßen dazu. Wir gehen gemeinsam zum Frühstück, nachdem Paula und ich all unsere Sachen gepackt haben. Nach einem kurzen Frühstück und noch einigen netten Worten, verabschieden wir uns alle. Wir sollten mal nach Taipeh fliegen und Paula besuchen oder Paula nach Deutschland, witzeln wir. Sie startet als erste. Ich trinke meinen Kaffee aus, bitte Helena ein letztes Mal meinen Poncho zu richten und laufe ebenfalls los.
Wer weiß, vielleicht führt der Weg uns ja nochmal zusammen.

Natürlich starte ich wieder im Regen. Es geht die 600 Stufen wieder runter.

Längere Zeit sehe ich keine weiteren Pilger:innen, dann taucht vor mir im Regen plötzlich eine weitere Poncho-Person auf. Als ich schon einige hundert Meter hinter ihr her laufe und abwechselnd zu ihr und dann wieder zu den gelben Pfeilen schaue, denke ich plötzlich: sie ahnt gar nicht, wie viel Motivation sie mir gerade schenkt. Ich habe es selbst nicht mal gemerkt, aber dieses stumpfe laufen und der stundenlange Regen sind einerseits sehr meditativ, andererseits ist es auch schön, sich an jemandem zu orientieren. Insbesondere dann, wenn die Landschaft gerade nicht viel zu bieten hat außer tropfender Bäume, Pfützen und Matsch. Ob wohl auch schonmal jemand hinter mir her lief und das gleiche dachte?

Die Gedanken, die ich so beim pilgern habe, sind übrigens nicht immer so deep. Als der Himmel gerade ein bisschen aufklart, kommt mir beispielsweise als erstes der Gedanke, dass ich keine saubere und trockene Unterwäsche mehr habe. Also sichere ich schnell meine gewaschenen, aber noch nassen, Unterhosen mit einer Sicherheitsnadel an meinem Rucksack, damit sie trocknen können. Bevor das hier CamiNO underwear wird. Sieht vielleicht komisch aus, aber das ist mir relativ egal.

Ich habe mir übrigens eingeredet, dass man gar nicht erkennt, dass das Schlüppis sind. Aber ja. ich sehe es auch.

Ich fange an über Helena nachzudenken. Ich werde hier nicht über ihren Weg schreiben, das wäre nicht richtig, denn es ist ihr Weg. Aber ich bewundere sie. Sie hat immer zur richtigen Zeit auf sich gehört und daraus resultierend ihre Entscheidungen getroffen. Ich persönlich kann von meinem groben Plan im Kopf und meinen grob geplanten Etappen nur schwer abweichen. Ich weiß, dass mir das auch im Alltag schwer fällt. Ich würde mich schon als spontane Person beschreiben, aber weicht etwas von dem zeitlichen Plan ab, den ich mir im Kopf gebastelt habe, so muss ich mich schon anstrengen, um mich damit anzufreunden. 

Genau so wie ich mich auch jetzt wieder daran erinnern muss, dass mich nichts hetzt und ich ganz entspannt laufen kann. 

Dabei muss ich wieder an Matthias denken, den ich gestern kennenlernte. Wir unterhielten uns darüber, dass wir uns nie in der Schlange begegnet wären, wenn sich eine/r von uns an dem Tag anders entschieden hätte und direkt hochgelaufen wäre. Oder eine/r später an dem Tag losgelaufen wäre. Das ist kein Phänomen des Camino. Das ist immer und überall so, aber hier wird mir das irgendwie bewusster. Und während ich genau darüber nachdenke, biege ich um die Ecke und laufe ihm in die Arme. Er hat die Nacht in diesem Ort verbracht, durch den ich gerade gehe und ist gerade auf dem Weg zum Frühstück holen. 

Da haben wir es wieder. 
Wir plaudern kurz. Er überlegt einen Tag hier zu bleiben. Bei dem Wetter kein schlechter Plan.
Aber ich gehe weiter.

Es ist erstaunlich, wie ich mich freue mit all den Menschen die mir so begegnen zu sprechen. Ich habe im letzten Jahr meine kontaktfreudige Ader wirklich verloren. Ich war gerne zu Hause. Raus zu gehen wurde mehr und mehr zur riesigen Aufgabe. Ich habe Kontakte gemieden. Das ist Umständen geschuldet, die ich nicht erläutern will, aber jetzt bin ich hier. Alleine. Ich trage keine AirPods in den Ohren oder lese in einem Buch, um zu symbolisieren: sprich mich bitte nicht an! Smalltalk ist zwar noch immer mein absoluter Endgegner und ich würde mich jederzeit wieder leeren Gesprächen entziehen, aber 1. sind das hier wertvolle Gespräche und 2. zeigen sie mir, dass ich noch nicht verlernt habe, dass ich eigentlich gerne mit Menschen spreche und gerne Menschen sehe.
Es gibt also noch Hoffnung. 

(Was übrigens nicht bedeutet, dass man mich beim lesen stören soll.) 

Während ich so mit meinen Unterhosen am Rucksack weiterlaufe, denke ich auch darüber nach, wie erstaunlich leicht mein Leben gerade ist. Es stellt sich morgens nicht die Frage, was ich anziehe. Ich stehe auf, baller mir Wasser ins Gesicht, putze Zähne, kämme die Haare und los geht’s. Kein Föhn, kein Glätteisen und kein Maskara. Kein mustern, ob es nur der Kissenabdruck im Gesicht oder doch eine neue Falte ist. Ich dachte das würde mich stören, aber um ehrlich zu sein: es befreit mich. 

Sowieso ist diese ganze Pilgertour für mich eine besonders gute Mischung zwischen Freiheit und Sicherheit. 

Nach rund 19km komme ich bereits an meiner Albergue an. Auch diese liegt wieder leicht erhöht. Es hat aber einen anderen Grund, warum ich sie ausgewählt habe. Beim Check-in klären wir alles wichtige und dann erläutere ich der netten Mitarbeiterin den Grund für meinen Aufenthalt: die Esel. Ich habe im Internet auf Bildern gesehen, dass hier einige Tiere auf dem Gelände leben… unter anderem Esel. 

Sie lacht. Den Grund hört sie das erste Mal. Aber sie sagt auch, dass das stimmt. Die wären hinten im Garten und ich könne ihnen direkt „guten Tag“ sagen gehen. Die Eseldame wäre allerdings ein bisschen traurig. Sie hat vor einer Woche ein Baby bekommen und es ist leider gestern gestorben. Puh.

Ich bringe meinen Rucksack auf das Vierbettzimmer und stelle fest, dass bisher nur ein weiteres Bett belegt scheint. Sehr gut! Dann kann ich das andere untere Bett beziehen. Mit über 30 will man im Etagenbett wirklich nicht mehr oben schlafen habe ich festgestellt. 

Dann gehe ich zu den Eseln, die nicht schwer zu finden sind. Denn ich verstehe jetzt, was sie damit gemeint hat, als sie sagte, dass die Eselmama traurig ist. Sie steht dort und schreit. Kein kurzes I-Ah, sondern ein wirkliches lautes schreien in regelmäßigen Abständen. Ich darf sie kurz streicheln, dann dreht sie sich wieder um und weint weiter. Die arme…

Ich checke ein bisschen die Lage und das Gelände. Ich finde Hühner und Meerschweinchen. Und mein Zimmernachbar taucht auf. Ein junger Mann. Er ist seit gestern hier. UK – ich fülle im Kopf wieder meine Landkarte. Wir unterhalten uns nur kurz. Er wirkt eher so, als wolle er alleine sein. 

Das passt mir gut, so kann ich nochmal zu den Eseln. 

Als ich dort schon einige Zeit stehe und sie beobachte, kullert mir die erste Träne übers Gesicht. Ich weine. Nicht ein bisschen sondern so richtig. Ich stehe am Eselgehege und fange an bitterlich zu heulen. So ein befreiendes, ungehemmtes, mir ist egal wer mich sieht – heulen.

Unter anderem wegen der Eselmama, aber auch, weil ich feststelle, dass ich hunderte, vermutlich tausende Kilometer gehen könnte, aber manche Gefühle und Entscheidungen in meinem Leben einfach für immer bei mir bleiben. Vor denen kann ich nicht weglaufen. Die lasse ich nirgendwo. Die kann ich nicht mehr wegdenken. Über die kann ich mir nicht mehr klar werden. Dafür ist es zu spät. Sie sind einfach da. 
Bei mir. Auch hier. 
Irgendwo in Portugal. 

Gegen frühen Abend sitze ich auf der Fensterbank im Wohnzimmer der Herberge und schaue aus dem Fenster. Ich höre, wie sich eine Frau an der Rezeption meldet. Sie redet sehr schnell und lässt die Mitarbeiterin kaum zu Wort kommen. Sie sucht offenbar jemanden. Meinen Zimmernachbarn. Sie hätten sich vor ein paar Tagen getroffen und er habe ihr hier eine Mahlzeit angeboten. Das Versprechen löst er ein und sie setzt sich mit dem von ihm gekochten Essen in den Aufenthaltsraum. Wir drei fangen an zu reden. Brigitte spricht auch deutsch. Neben englisch und französisch. Was auch immer sie spricht (meistens englisch, damit wir drei uns verstehen), sie spricht es schnell. Und viel. Zu Wort kommt sonst eigentlich so gut wie niemand.

Ich will nicht ihre ganze Geschichte erzählen, das wäre nicht fair. Die Kurzfassung ist: sie hat vor Jahren alles in Deutschland aufgegeben und verkauft und ist seitdem ohne festen Wohnsitz. Sie war auf dem französischen und nun auf dem portugiesischen Jakobsweg unterwegs. Sie pilgert nicht. Sie hält sich nur in den Gegenden auf. Sie vertraut auf Gott. Sie besitzt nur das was sie bei sich trägt. Sie bietet ihre Hilfe bei allem möglichen an und erhält im Gegenzug häufig Mahlzeiten und/oder ein Bett. Manchmal hilft sie in Albergues, Kirchen oder singt irgendwo. Heute würde sie draußen schlafen. Sie wirkt gepflegt. Es fällt mir schwer sie mir auf einer Bank schlafend vorzustellen. Sie benötigt nichts, insbesondere kein Geld sagt sie. Alles was sie braucht kommt zu ihr. Sie würde ihr Leben so lieben wie es ist. 

„Jenny, es ist so toll, dass du diese Pilgerreise machst! Aber eigentlich ist auch jeder Tag zu Hause bei dir eine Pilgerreise. Du hast auch dort jeden Tag die Möglichkeit zu entscheiden, was du machst. Morgen ist heute die Vergangenheit, dann kannst du es nicht mehr ändern. Aber jetzt!“

Ich höre aufrichtig zu. Obwohl mein Zimmernachbar schon ein bisschen Recht hat. Als sie kurzzeitig den Raum verlässt, um zu fragen ob man hier ein Bett für sie hätte, sagt er: „You’re a nurse: she’s manic isn’t she?“
Möglicherweise. Möglicherweise auch nicht. Auf jeden Fall muss sie weiterziehen. Sie wünscht sich, dass wir auf ihrem Poncho unterschreiben. Das tun wir und dann geht sie. 

Ich muss noch etwas raus. Ich gehe spazieren und finde einen wunderbaren Aussichtspunkt. Dort verbringe ich den Abend, trinke ein Bier und schaue einfach nur in die Ferne. Es würde vielleicht gut tun jetzt mit jemandem zu reden, denke ich. Aber vielleicht ist es auch ganz gut, dass ich das nicht kann. Vielleicht ist das der Sinn. Es kann mir gut tun mit jemandem zu sprechen. Insbesondere, wenn ich nach Antworten suche. Aber wie häufig weiß ich die Antworten schon, kenne meine Möglichkeiten und mein „drüber reden“ ist nur noch ein lautes wiederholen all dessen und ein „siehst du das auch so?“

Ich will nicht behaupten, dass das nicht auch unfassbar wichtig ist und gut tun kann, aber ich stelle an diesem Abend für mich fest, dass ich das in genau diesem Moment eigentlich gar nicht brauche. Ich brauche keine Bestätigung. Dabei kann mir niemand helfen. Das kann mir niemand abnehmen. Und eigentlich habe ich keine Fragen mehr.

Als ich wieder zurück komme und mich ins Bett lege, schläft mein Zimmernachbar bereits. 

Es hört sich an, als wären noch weitere Personen im Haus, aber unsere 2 freien Betten bleiben leer.