Labruge –> Póvoa de Varzim / 17,2km

„Der Weg ist immer besser als die schönste Herberge.“

Irgendwann muss man auch die schönste Unterkunft verlassen. Fernando hat sich auch beim Frühstück wieder um mich gekümmert, als wäre ich sein Kind. Ständig fragt er, ob mir irgendwas fehlt. Ich hätte auch 2 Wochen bei ihm und seiner Frau verbringen können, aber das ist nicht der Deal und doch ein bisschen einfach. Also schnell das Obst eingesackt und aus seinem behüteten Haus ins Unwetter vor der Tür. 

Vorausgesagt ist für heute Gewitter. Regnen tut es schonmal. Fernando hat sich auch dahingehend sorgen um mich gemacht und zu bedenken gegeben, dass ich beim Laufen an der Küste wenig Möglichkeiten finden werde, mich unter zu stellen. Aber wenn ich schon den 2. Tag eine Pause einlege oder immer eine Pause einlege, wenn das Wetter nicht mitspielt, dann bin ich für die 300km vermutlich 6 Wochen unterwegs.

Wenn ich früher von einem Fremden mitten auf der Straße eine Pille erhalten hätte, hätte ich sie vermutlich geschluckt. (Spaß) Nun staune ich kurz und öffne sie. To be honest hauptsächlich, weil er gesagt hat, dass ich sie öffnen und nicht schlucken soll.
Die Message darin passt und ich empfinde es als wirklich liebe Geste.

Ganz kurz habe ich Unmut über den Regen, aber dann fällt mir wieder ein Gespräch vom Frühstückstisch ein: überall brennt es und Menschen werden angehalten Wasser zu sparen (grundsätzlich gut!), weil der Grundwasserspiegel zu niedrig ist. Ich höre auf darüber nachzudenken. Es deprimiert mich. Hätte ich Kinder – die man meiner Meinung nach nicht in diese Welt setzen kann – dann hätten sie wirklich keine gute Zukunft. Das bisschen Regen hält mein Poncho schon ab, auch wenn ich ihn direkt beim ersten Anziehen etwas zerrissen habe.

Regen. Regen. Meer. Wellen. Wasser. Tropfen. ICH MUSS PIPI!

Der 2. Tag und ich kann jetzt schon sagen, dass ich das beste Gadget für diese Reise gekauft habe: mein Liberpee. Ich kann nicht sagen wie dankbar ich bin, mich nie wieder auf ein öffentliches WC setzen zu müssen. Lucky me! Ich muss meinen Rucksack nicht absetzen und meinen nassen Poncho nicht ausziehen, wenn ich auf Toilette möchte. Es hilft auch, sollte ich mal in freier Wildbahn pinkeln müssen. Also, falls ihr sie noch nicht besitzt: kauft sie! 
Aus einem unerfindlichen Grund hatte ich schon immer die Vermutung, dass einmal im stehen pinkeln alle meine Probleme lösen würde. Hier löst es nicht alle, aber schon einige!

Beim Laufen durch eines der Dörfer fallen mir auf der Straße die unzähligen Kerzen alle paar Meter auf und dann plötzlich all die Menschen, die aus Salz(?) und Blüten(?) den ganzen Weg verschönern und versuchen ihre Kunstwerke vor dem Regen zu schützen. Und ICH jammere über den Regen. Ich frage hintereinander auf meinem Weg zwei Leute, was die Kunstwerke zu bedeuten haben. Leider ist deren englisch so schlecht wie mein portugiesisch.

In Vila do Conde angekommen dann plötzlich Sonne. Schnell mache ich halt und versuchen meine Regenklamotten möglichst schnell auszuziehen, bevor ich mich wie eine Folienkartoffel in der Sonne fühle.

Leider keine verbotenen Tier gesehen. Aber wusste auch nicht wonach ich suchen sollte.

In Póvoa angekommen gehe ich in kleines Café, bekomme ein leckeres Bier, ein Sandwich und auch eine Antwort auf meine Frage, welches Fest in dem vorigen Ort gefeiert wird, nachdem ich dem Wirt meine Handybilder zeige.
So 100% bin ich nicht sicher, dass ich alles richtig verstanden habe, aber vermutlich fehlt mir auch einfach der religiöse Hintergrund. Es handelt sich demnach um den feierlichen Glauben daran, dass Maria, die Mutter Jesu, am Ende ihres irdischen Lebens in den Himmel aufgenommen wurde.

Ich erreiche irgendwann meine Unterkunft für diese Nacht.
Ich hatte ja vermutet, dass ich mich auf dem Jakobsweg auch mit Dingen aus der Vergangenheit beschäftigen muss, aber dass es auch das Badezimmerinterieur meiner Großeltern gehört, hatte ich nicht erwartet. 

Abends laufe ich so durch den Ort und finde endlich ein Lokal, welches vegetarische Francesinha anbietet. Das ist geschmacklich schon nicht schlecht, aber jetzt auch kein riesiges Highlight… es sei denn man hat einen fetten Kater, dann kann ich mir es als gutes Soulfood vorstellen. Danach gönne ich mir ein Eis mit Nata-Geschmack (hatte heute noch kein Nata! Ich schwöre!) und zum krönenden Abschluss trinke ich ein Bier über den Dächern der Stadt.