Vila Praia de Âncora –> A Guarda / 16km
„The way is inside.“
Natürlich habe ich diese Nacht Migräne. Heulen ist nicht unbedingt das beste für meinen Schädel. Chronische Krankheiten… auch so etwas vor dem man nicht weglaufen kann. Ich suche nachts nervös bei wenig Licht meine Triptane im Rucksack. Zu Hause bin ich immerhin schon so schlau und habe die Tabletten auf dem Nachtschrank liegen, aber hier habe ich bisher nicht dran gedacht. Weil ich meinen Zimmernachbarn nicht wecken will, schnappe ich mir meinen Rucksack und gehe in den Aufenthaltsraum. Ich nehme meine Tablette und verweile einige Zeit auf der Fensterbank. Die Attacke ist nicht sehr schlimm, ich habe keine starke Übelkeit, aber ich weiß, dass mich die Schmerzen einige Zeit nicht schlafen lassen werden, also kann ich auch hier sitzen.
Ich weiß nicht wie spät es ist, als ich wieder ins Bett gehe, aber die restliche Nacht kann ich einigermaßen gut schlafen.
Ich bin wieder viel zu früh wach und beschließe, dass ich losgehe. Ich schnappe meine Sachen und gehe wieder in den Aufenthaltsraum. Dort sitzen bereits 2 Frauen und frühstücken. Sie kommen aus der Nähe von Porto und haben es nun nach vielen Jahren endlich mal geschafft, den Jakobsweg zu starten. Während ich meine Sachen packe, quatschen wir. An Frühstück ist für mich dank der Migräne dennoch nicht zu denken.


Ich laufe vor den beiden los und bin somit früher im Regen. Heute geht es für mich per Boot über die Grenze nach Spanien. Eine Onlinebuchung hat leider mehrfach nicht geklappt. Egal. Werde schon irgendwie mitkommen, denke ich mir. Knapp 2,5h mache ich keine einzige Pause. Ich laufe im strömenden Regen. Ich möchte den klitschnassen Poncho so wenig wie möglich ablegen und auch meinen Rucksack nicht absetzen. Ich lasse mein Handy fast den kompletten Weg im Rucksack. Viel zu fotografieren gibt es eh nicht. Und die paar Gedanken, die ich habe, spülen sich quasi mit dem Regen wieder weg. Ich will heute keine Stempel. Ich will eigentlich wirklich nur ankommen. Ich bin bei meiner Ankunft in Caminha nass bis auf die Unterhose. Und durchgefroren. Ich spüre meine Finger nicht mehr. Aber mein Rucksack ist – mal wieder – komplett trocken gelieben und das ist das wichtigste.
Ich gehe in die Bar am Hafen, bestelle einen heißen Kaffee und frage, ob ich mir irgendwo ein Ticket lösen könne. Kein Problem. Für 6 Euro geht es für mich in 10 Minuten über die Grenze. Ich habe ein nachdenkliches Lächeln im Gesicht, welches die Mitarbeiterin offensichtlich verunsichert. Ich nehme schnell mein Ticket und setze mich. Während meine kalten Finger am heißen Becher schmerzen, denke ich darüber nach, wie privilegiert ich bin, dass ich so einfach überall hinreisen und in einem sicheren Boot über Grenzen schippern kann.
Ich staune wiederum nicht schlecht, als wir zu fünft zum Boot gebracht werden. Es handelt sich tatsächlich lediglich um eine kleine Nussschale mit Außenborder. Der portugiesische Kapitän spricht kein Wort englisch, hat unter anderem einen Anker auf dem Unterarm tätowiert und hebt einen (inklusive Gepäck) gefühlt problemlos mit seinen riesigen Händen ins Boot. Und so schippern wir in einem erstaunlich regenfreien Intervall über den Rio Mino nach Spanien. Was für ein Spaß! An der Kaimauer inklusive Treppe angekommen, legt er an und ruft „Viva España!“ und irgendwas mit Sangria. Wir 5 klettern aus dem Boot, wünschen uns lachend „Buen Camino“ und gehen unserer Wege.









Für mich die letzten 45 Minuten ohne Umwege straight zum Hotel, denn es regnet wieder wie aus Eimern und ich fange an zu zittern. Vermutlich auch, weil ich bisher mit Ausnahme des Kaffees noch nichts getrunken oder gegessen habe.
Im Hotel dusche ich heiß. Langsam kommt wieder Leben in meinen Körper. Die Müdigkeit nimmt die Dusche allerdings nicht.
Ich belohne mich im Restaurant nebenan mit einem großen Bier und einer riesigen Pizza. Meine Schuhe sind nass. Für Sandalen ist es mir zu kalt. Für Socken in den Sandalen fühle ich mich zu jung. Also schlüpfe ich in Socken in meine Pammys. Nicht unbedingt stilsicherer als in den Sandalen, aber es wird mir schon niemand ausziehen.
Im Anschluss gönne ich mir eine Mittagsstunde.


Als ich die Augen wieder aufmache, scheint draußen die Sonne. Ich schaue auf die Uhr und bin verwirrt. Irgendwas stimmt doch mit der Zeit nicht. Ich rechne nach, wann ich auf dem Boot saß und zur Uhr schaute und dann fällt mir auf: ich bin durch eine Zeitzone gelaufen. Spanisches Festland. Ich befinde mich also wieder in deutscher Zeit. Verrückt.
Anyway. Ich komme also doch noch dazu, den Ort zu erkunden. Also ziehe ich mich an und gehe los. Es ist wirklich ganz niedlich hier. Kleiner Hafenort, Fischrestaurants und für mich – bin ja jetzt wieder warm – noch ein Eis auf der Hafenmauer.








Reicht dann auch für heute. Heute habe ich wirklich mit wenig Menschen gesprochen. Aber auch das tut mir sehr gut. Ich schlafe gut ein, werde allerdings mitten in der Nacht noch einmal geweckt: das Hotel ist hellhörig und die Nachbarn nebenan beim Liebesspiel nicht leise. Ich schaue auf die Uhr: 01:30 Uhr. Die sind ja verrückt. Naja. Besser die als ich, denke ich, lüge dabei ein bisschen und schlafe wieder ein.