Póvoa de Varzim –> Esposende / 20,6km
„The rain in the morning does not stop the pilgrim.“

Ich musste die Nacht über feststellen: Atlantik-Gewitter ballert anders. (Gerne hätte ich hier ein Video hochgeladen, aber dafür reichen meine Skills nicht.) Es ist eindrucksvoll, aber dementsprechend unruhig war der Schlaf. Macht nichts. Ich fühle mich wieder topfit.
Zweckmäßiges Frühstück, ekelhafter Kaffee. Also stehen lassen und los. Das Wetter soll nicht gut (ich ahne erst später wie sehr nicht gut) werden und irgendwann muss ich ja starten. Das sage ich auch der Rezeptionistin, die mich mitleidig fragt „Ohje, bei dem Wetter?“
It’s part of the game. Kaputten Poncho (er hätte vermutlich auch heile nichts mehr retten können) über und dann verlasse ich das Hotel. Nach einigen Schritten, bei strömenden(!) Regen und ohne weitere Pilger:innen zu sehen, bemerke ich ein kleines stimmungstief. Als es dann auch noch einmal beherzt donnert, hocke ich mich kurzzeitig in meinem Poncho in eine überdachte Garageneinfahrt und beginne mich und mein Hab und Gut zu schützen wie ich kann. Ich versuche auch die Dinge in meinem Rucksack neu zu sortieren, damit alles trocken bleibt, falls der Poncho komplett dem Geist aufgibt. Das ganze Vorhaben vollbringe ich bei Wind und möglichst unter meinem Poncho. Es muss ein trauriger Anblick sein. Irgendwann sehe ich endlich ein paar Pilger:innen & schon das erste „Buen Camino!“ hebt meine Stimmung, nachdem ich tropfenderweise kurzzeitig darüber nachdachte, wie ironisch ich diese gelben Pfeile plötzlich finde. Ebenso stimmungsaufhellend ist der kleine Pavillon, dem ich mich nähere. Ich stelle mich unter und genieße das kleine Pilgerangebot mit Espresso und einer Toilette. Weiter.


Ich laufe auf den schönen Holzstegen hinter jemandem hinterher und sehe, wie ihr regelmäßig der Poncho durch den Wind hochweht. Ich will ihr helfen. Ich versuche sie einzuholen, sie sieht mich und fragt „Kannst du mir kurz mit dem Poncho helfen?“
Aus dieser einfachen Frage wird dann eine sehr nette Begegnung mit Helena. Wir verbringen gemeinsam wunderbar nasse 10km, führen tolle Unterhaltungen mit vielen Gemeinsamkeiten und pilgern durch knöchelhohe überschwemmte Straßen. Gemeinsam ist das wirklich miese Wetter irgendwie leichter zu ertrage. Der Weg ist also weiterhin klitschnass, windig, von erstaunlich viel Müll und augenscheinlich benutzten Kondomen übersäht.
Keine Ahnung wie die katholische Kirche das so findet.
Nach einem gemeinsamen Päuschen in einer sehr niedlichen Herberge, trennen sich unsere Wege. Mich zieht es schneller weiter.


Der Weg bietet nicht viel zu sehen, alles ist regensicher verstaut und so kommen mir ohne jegliche Ablenkung die verschiedensten Gedanken. Zum Beispiel, dass es mich zu Hause geängstigt hat zu wissen, dass alles was ich für die nächsten zwei Wochen besitze und benötige in diesem Rucksack auf meinem Rücken ist. Jetzt stimmt es mich irgendwie glücklich. Ich sorge dafür dass nichts nass wird, alles sicher verstaut ist und weiß am dritten Tag schon auswendig, wo ich was finde – während ich nach zwei Jahren in meiner Wohnung noch immer den falschen Schrank für Teller öffne. Mein Rucksack und ich. Er kommt mir witzigerweise vom ersten Tag an nicht wie eine Last vor. Ich muss lächeln und vergesse fast, dass ich bis auf die Unterhose nass bin. Es fällt mir aber wieder ein, als ich mich bücke um mein Credencial für einen Stempel aus dem Rucksack zu fummeln.





Am Ortseingang Esposende plötzlich Regenpause. Nach 6 Stunden. Es gibt ein bisschen Sonne und eine Katze, die mich bis zum Gästehaus begleitet. Das muss wohl heißen, dass ich angekommen bin.
Vielleicht habe ich auch Glück und die Schuhe trocknen bis morgen.

Ankunftsbier. Wichtigste Mahlzeit.