Porto –> Labruge / 26,4km
„Walk slow, don’t rush. That place you have to reach is yourself.“

Ich habe mir gestern im Pilgerbüro extra eine Muschel ausgesucht, die einen kleinen Sprung hat. Sie lag zwischen den ganzen anderen und ich empfand, dass sie zu mir passen würde. Ich befestige sie stolz an meinem Rucksack.
Ein bisschen traurig bin ich ja schon, dass ich Porto verlassen muss. Ich habe mich in diesen 1,5 Tagen ein bisschen in diese Stadt verliebt. Aber ich bin auch voller Vorfreude. Ich benutze im Hotel ausnahmsweise den Aufzug, schließlich habe ich noch meinen kleinen Koffer dabei, den ich aus dem Hotel abholen lasse, damit er mir am Tag meiner Ankunft in Santiago de Compostela wieder zugestellt wird.
Ich scanne die Zimmerkarte im Aufzug und drücke die Null. Null. Null. Ey! Nullnullnull! – Zapp. Licht aus. Ich mache meine Handytaschenlampe an. Ich drücke auf den Knopf zum öffnen der Türen. Nichts passiert. Ich stecke fest. Okay. Keine Panik. Erste Caminoaufgabe. Ich drücke den Notfallknopf mit der abgebildeten Klingel. Nichts passiert. Ich klingle erneut. Dann halte ich die Klingel gedrückt, aber nichts passiert. Oooookay.
Dass ich auf dem Jakobsweg eine Klippe herunterstürze, umgelegt werde, auf dem Hinweg mit dem Flugzeug abstürze – mit all dem habe ich gerechnet. Damit, dass ich 5 Minuten vor meinem Start wegen Sauerstoffmangel im Aufzug verrecke irgendwie nicht.
Ich fange an auf meinem Handy die Nummer des Hotels zu googeln. Mir kommt der Gedanke, dass ich vielleicht jemanden an der Rezeption anrufen könnte. Zwischendurch drücke ich immer wieder alle Knöpfe. Ich könnte auch dramatisch nach Hilfe rufen. Auch ’ne gute Idee. Ich weiß noch nicht, welche meiner Ideen ich umsetzen möchte.
Nach 10 Minuten funktioniert der „Tür öffnen“ Knopf plötzlich. Licht gibt es noch immer keins.
An der Rezeption warte ich 5 Minuten bis jemand kommt. Ich gebe meinen Koffer auf und das mit dem Aufzug zu bedenken. Bis dahin verstanden wir uns wunderbar auf unserem englisch. Auf das mit dem Aufzug erhalte ich ein lächelndes „Buen Camino!“, bevor die Rezeptionistin sich umdreht und meinen Koffer wegbringt.
Na gut.




Die Navigation aus Porto funktioniert mit Google Maps und einem Tipp aus dem Internet: hast du den Fluss und später das Meer auf der linken Seite, dann bist du richtig. I took it dead serious.
In Matosinhos hält plötzlich ein Jogger an. By the way: Millionen Jogger:innen hier!
Er fragt mich ein paar Dinge. Woher ich komme, ob es mein erster Camino ist und so weiter. Dann gibt er mir Tipps, wo ich Stempel bekomme und am Ende greift er in seine Tasche: er hätte für nette Pilger:innen immer etwas dabei, sagt er. Er schenkt mir einen kleinen Pilgeranstecker. Ich bin gerührt. Kurzer Handschlag, dann trennen wir uns.

Zeitweise bin ich etwas müde, auch wenn der Weg atemberaubend schön ist. Ständig rufen random Menschen einem „Buen Camino!“ zu und winken freundlich. Das pusht mich irgendwie extrem. Ich realisiere erst jetzt, dass ich hier bin. Dass ich gestartet bin. Dass ich gerade die ersten Kilometer meiner Reise gehe.
Gleichzeitig merke ich immer wieder, wie ich in meinen Arbeits-/Einkauf-/durch-die-Stadt-gehen-Stechschritt verfalle. Ich muss mich bremsen. Immer wieder. „Niemand hetzt mich. Ich habe den ganzen Tag Zeit. Ich habe zwei Wochen Zeit. Laufe und genieße.“ sage ich mir immer wieder.

Perfektes erstes Frühstück für die Nata-Sucht.






In Labruge angekommen, habe ich nach 6h laufen an der Küste und Sonne nur noch ein Bedürfnis: in den Atlantik hüpfen. Ich pfeffere meinen Rucksack in den Sand, ziehe meinen Bikini an und lasse mich in die atlantischen Wellen fallen. Ich habe noch kein Bett, aber das Gefühl den ersten Tag gemeistert zu haben. Danach gehe ich in die Unterkunft und lerne den Besitzer Fernando kennen. Ich übertrete die Schwelle, er nimmt mir meinen Rucksack ab und ich spüre die Herzlichkeit. Der Check-In erfolgt mit einem Bier als Begrüßung. Er gibt mir unzählige Informationen und Tipps. Wir plaudern nett. Ich bin die erste, die heute angekommen ist.
Ich nutze auch den Pool am Haus und während ich in der Sonne trockne, bringt Fernando mir geschnittene Wassermelone raus. Die würde mir gut tun und schmecken sagt er. Er hat natürlich recht.
Zum Abendessen bin ich Fernandos Tipp gefolgt und habe ein Lokal besucht.
Als ich im Bett liege kann ich nicht einschlafen. Ich sollte kaputt sein und das bin ich eigentlich auch, aber ich bin auch grundzufrieden. Die Freude über den Tag lässt mich nicht schlafen. Was für ein schöner Grund für Schlaflosigkeit.

