Padrón –> Santiago de Compostela / 26,4km
„Santiago de Compostela no es el destino del Camino; es el comienzo.“

Ein allerletztes mal packe ich meinen Rucksack. Ich habe gestern nicht gewaschen, weil ich es nicht mehr musste. Ich packe das erste mal schmutzige Klamotten ein. Ich mache das letzte mal ein Spiegel-Selfie. Ich schnüre ein letztes mal meine Schuhe. Ich schwinge ein letztes Mal meinen Rucksack auf meinen Rücken. Ich starte die letzten Schritte meiner Reise.
Erst eine SMS meiner Mama erinnert mich daran, dass ich heute Geburtstag habe. Offensichtlich hat mein Kopf keine Kapazität auch noch daran zu denken.






Ich weiß, dass der Weg heute nicht einfach werden wird. Ich habe gelesen, dass er emotional und aber auch landschaftlich nochmal ein bisschen was fordert. 700 Höhenmeter und über 25km. Zusätzlich wird es auch heute wieder bis zu 36°C warm, deshalb starte ich – trotz meiner schlechten Erfahrung – vor dem Sonnenaufgang. Die ersten Kilometer weg von meiner Unterkunft sind ruhig und friedlich. Der Himmel ist traumhaft und ich alleine.
Doch nach und nach wird der Weg voller.
Und zwar sehr viel voller. Ich glaube, dass einige gemeinsam die letzte Etappe zum Einlaufen in Santiago nutzen. Irgendwann gleicht der Weg mehr einer Party. Ich sehe fast nur noch Gruppen. Alte und junge Leute, Pfadfinder:innen, Schulklassen und auch Menschen, die ich optisch (Kleidungsstil) eher auf Mallorca erwarten würde.
Es wird gesungen, gelacht und aus Musikboxen ballert Musik. Mal besser und mal schlechter.
Ich kann selbst nicht einordnen, wie ich das finde. Ich freue mich ja immer, wenn Menschen eine gute Zeit haben. Ich suche mir immer eine Laufnische zwischen Gruppen, zwischen denen ich es aushalte und die Musik – sofern es welche gibt – einigermaßen auszuhalten ist. Aber ich stelle auch fest, dass ich die Zeit gut noch etwas Ruhe hätte gebrauchen können.

Camiauno.
Ich sammle schnell meine zwei letzten Stempel. Ich will mich darum heute nicht mehr kümmern müssen.
Irgendwann werden die Restkilometer-Angaben einstellig. Ich will unbedingt weiterlaufen und muss mich wieder in meinem Schritt bremsen, weil das Ziel mich motiviert. Gleichzeitig würde ich am liebsten auf der Stelle stehen bleiben, mich hinsetzen und nicht weiter gehen. Ich will nicht, dass es endet und ich habe alle 5km das Gefühl, dass ich viel mehr verschnaufen müsste, als die Tage davor, obwohl der Weg körperlich nicht zu anspruchsvoll für mich ist.






Santiagos „Vorstadt“ ist relativ modern und es ist nicht vorstellbar, dass in 2km plötzlich diese über 800 Jahre alte Kathedrale erscheinen soll. Dadurch, dass es 2 verschiedene Wege zur Kathedrale gibt, wird es auch wieder ein bisschen ruhiger. Aber auch die Menschen, die ich sehe, wirken ruhiger. Es reden nicht mehr so viele. Entweder sind alle erschöpft oder komplett bei sich. Während ich so in die Gesichter schaue merke ich, dass es beides ist.
Dann beginnt die Altstadt. Die Gassen sind voller Menschen. Pilger:innen, so wie ich, schlängeln sich zwischen den „normalen“ Touristen und den Souvenirshops durch. Vor mir laufen schon seit einiger Zeit Mutter und Sohn und schweigen. Kurz vor der letzten Kurve zur Kathedrale, nehmen sich beide wortlos an die Hand und biegen ab. Ich bekomme meine erste Gänsehaut.
Und dann ist sie einfach da. Dann bin ich einfach da.
Santiago de Compostela.
Ich habe es geschafft.

Ich stelle mich möglichst weit nach hinten, um die Kathedrale im Ganzen bewundern zu können. Ich setze meinen Rucksack noch nicht ab. Ich stehe erstmal kurz da und höre in mich rein.
Ich warte darauf, dass jetzt irgendwas besonderes passiert.
Aber es passiert einfach nichts.
Ich muss ab und zu lächeln und bekomme ab und zu eine kleine Gänsehaut, weil es so schön ist, wie sich die Menschen in den armen liegen und sich zujubeln, während sie auf den Vorplatz laufen, aber in mir…
passiert nichts.
Ich stelle also meinen Rucksack ab, setze mich bei 34°C auf die warmen Steine und schreibe meiner Mama: ich bin da.
Ich knippse die obligatorischen Bilder. Ich will sie haben und ich werde sie auch posten, aber gleichzeitig brauche ich sie als Erinnerung eigentlich nicht, denke ich.
„Der Weg ist das Ziel.“ ist vielleicht das, was mein Gefühl am besten beschreibt.
Mir wird bewusst, dass die letzten Tage im Ganzen kostbarer waren, als dieser eine Moment und das ist auch okay so.





Im Pilgerbüro wird mir dann der letzte magische Funke, an den ich geglaubt habe, geraubt.
Dort begebe ich mich hin, um meine Pilgerurkunde zu erhalten. Von der ersten Schlange werde ich in einen Raum gelotst, in dem, wie in einer Fahrschule, unzählige Computer stehen. Dort tippe ich selbstständig meine Daten ein. Name, Geburtsdatum, von wo nach wo gelaufen, welchen Weg und wie.
Am Ende erhalte ich einen Bon mit meiner Nummer und werde hektisch weitergeleitet in die nächste Schlange.
Es ist wie beim Arbeitsamt. Nach und nach werden Nummern angeschlagen, woraufhin man sich dann an den entsprechenden Schalter begibt.
„Congratulation.“ ist das erste, was die Dame zu mir sagt und die nächste Frage ist, ob ich die kostenpflichtige oder die gratis Version der Pilgerurkunde möchte. Ich entscheide mich für die Gratisversion. Sie druckt sie, drückt sie mir in die Hand, erklärt mir kurz, dass das auf der Urkunde mein Name in Latein ist (danke, ich weiß) und dann gehe ich.
Das ganze Prozedere hat immerhin insgesamt nur 15 Minuten gedauert, aber ich fühle mich auch ein bisschen exhausted. Das war wirklich ziemlich deutsch.
Tolle Organisation, ohne Frage, aber für eine Frau, die an ihrem 33. Geburtstag und nach 300km laufen auf ihren Magic Moment gewartet hat, ein bisschen enttäuschend.
Es war ein bisschen wie das erste Mal. Ich habe wohl zu viel erwartet.



Ich gehe einchecken. Mein Hotel liegt zwei Minuten von der Kathedrale entfernt.
Die Rezeptionistin empfängt mich mit einem breiten Lächeln.
„Oh Congratulation! Oh and happy Birthday! Wow! Hope you have a wonderful day! Be proud!“ und noch vieles mehr. Sie fragt mich, wie lange ich gelaufen bin, wo ich gestartet bin, wie es mir geht, ob ich ein tolles Gefühl habe, was ich an meinem Geburtstag vor habe und dann ist er plötzlich da:
Mein Magic Moment. Ich strahle.
Sie ist die erste, mit der ich mich nach meiner Ankunft ein wenig über meine Reise unterhalte. Ich habe das Gefühl, dass sie ehrliche Freude für mich empfindet. Mehrmals sagt sie, was für ein tolles Geschenk ich mir selbst gemacht hätte.
Wie lieb.
Im Hotelzimmer logge ich mich nach zwei Wochen das erste mal wieder ins WLAN ein. Über 180 WhatsApp Nachrichten. Glaube mein Handy vibriert fünf Minuten vor sich hin.


Ich beantworte einige Glückwünsche, Telefonate und verbringe meinen Geburtstag wie geplant mit Pizza und Bier in einem empfohlenen Restaurant.
Als ich dort kurz zur Toilette gehe und lediglich meine Sonnenbrille auf dem Tisch liegen lasse, wird diese geklaut.
Ich sehe es, als ich wieder komme und in mir passiert folgendes:
„Hm. Das ist okay. Sie war jetzt zwei Jahre bei mir und hat mich die letzten zwei Wochen bis hier her begleitet. Jetzt freut sich vermutlich jemand anderes gerade sehr darüber. Also hoffentlich – sie hat ein bisschen gerostet durch den Regen und hat nur 10 Euro gekostet.“
Ich bin nicht wütend. Ich bin nicht traurig. Ich trinke mein Bier und freue mich, dass ich mir morgen eine neue kaufen werde. Vielleicht ein anderes Modell. So viele Möglichkeiten.
Und dann muss ich lächeln:
Man, was hat dieser Weg mit mir gemacht?!

