A Guarda –> Viladesuso / 19,1km
„No one will take the next step for you.“
Ich habe ausgeschlafen. Also so richtig ausgeschlafen. Ehe ich loskomme ist es fast 11 Uhr. Das tut mir gut. Ich checke aus, gehe ein paar Meter und nehme im ersten Café wieder Platz. So ein Morgen verdient einen Kaffee und ein Frühstück.
Und dann gehe ich rein. Mit guter Laune und: Regen.










Aber auch mit der Schönheit Galiziens. Ich verstehe jetzt, was alle meinen, wenn sie sagen, dass Galizien sehenswert ist. Es ist trotz des Regens atemberaubend schön. Ich genieße jeden Meter, mache (Touri-)Fotos und merke fast gar nicht, wie die Sonne rauskommt und ich anfange unter meinen Regenklamotten zu schwitzen.
Also verstaue ich Poncho und Regenjacke und laufe weiter.
In einem kleinen Wald den ich durchquere, sitzt eine junge Frau an einem Klapptisch und bietet Wachsstempel an. Darüber freue ich mich, denn es ist mein erster. Sie kommt aus Rumänien und wohnt nun seit einiger Zeit in Spanien. Sie würde auch gerne mal pilgern. Derzeit verdient sie sich durch die Spenden für ihre Stempel ein wenig zu ihrem Lebensunterhalt.






Irgendwann läuft eine junge Frau deutlich humpelnd und langsam vor mir. Es fällt mir nicht schwer, sie einzuholen. Ich halte an und frage sie, ob alles okay sei. Sie sieht traurig aus. Ihr Knie würde ihr weh tun. Ich biete ihr Schmerzmittel an. Ich bin eine mittelgut ausgestattete Pilgerkrankenpflegerin, denn wirklich mehr habe ich leider nicht dabei. Schnell stellen auch wir beide wieder fest, dass wir deutsch reden können.
Seit 4 Tagen würde es mit ihrem Knie immer schlechter werden. Man merkt ihr die Verzweiflung an und es tut mir so leid, die Trauer zu spüren. Sie tut mir leid. Sie vermutet, dass sie den Weg nicht beenden kann. Das würde mich auch traurig machen. Ich habe keine tröstenden Worte und sage ihr nur, wie krass sie ist, dass sie es bis hierher geschafft hat. Für heute wird sie ein Taxi oder Uber zur Unterkunft nehmen. Ihr Knie hätte sie bereits von zwei Orthopäden in der Heimat untersuchen lassen. Die Diagnose: das ist normal für eine junge Frau. Ach medical gaslightning. Lieben wir. „Schade, dass du nicht auch noch übergewichtig bist!“ sage ich ihr und wir lächeln kurz.
Ich biete ihr an, dass ich mit ihr warte, bis der Fahrer oder die Fahrerin da ist. Aber sie sagt es sei in Ordnung und ich könne ruhig weitergehen. Es fällt mir gerade irgendwie schwer einzuschätzen, ob sie das ernst meint und die ersten 20 Minuten, nachdem ich weitergegangen bin, denke ich darüber nach, wieder umzudrehen.
Aber letztendlich bleibe ich auf meiner Route. Wenn auch mit schlechtem Gewissen.







An einem Teil der Strecke, fährt ein Auto mit heruntergelassenem Fenster erstaunlich langsam an mir vorbei. Der Fahrer pfeift mir hinterher und gibt Gas.
Ach Bruder. Ehrlich? Ich bin durchgeschwitzt und fertig. Soll ich mal meine Socken für dich ausziehen, du Spinner?!
Es ist und bleibt überall das gleiche. Männer machen einfach Männersachen.
Die Dörfer durch die ich gehe sind traumhaft schön und niedlich. In den Kneipen sitzen Menschen, trinken Wein und lachen. Hätte ich nicht noch einige Kilometer vor mir, würde ich glatt einkehren. Wenn ich überall was trinke, wo ich es schön finde, dann werde ich vermutlich nie mein Ziel erreichen.
„Vielleicht hätte ich es tun sollen.“ denke ich dann doch, als ich am Ziel ankomme. Denn hier ist weniger. Bis gar nichts.
Nach dem Check-In setze ich mich in ein Café und bin augenscheinlich ausschließlich umgeben von Einheimischen, die sich kennen. Ich verstehe kein Wort, aber ich merke die Blicke (wertfrei, einfach nur Blicke), während ich meine Nüsschen esse und mein Bier trinke. Und mein zweites. Und mein drittes. Und eigentlich wird Essen auch überbewertet. Ich habe tatsächlich wenig Hunger den Tag über.
Als ich gerade zur Unterkunft gehen will, finde ich einen kleinen Weg zum Wasser. Ich setze mich auf die Steine und beobachte den Atlantik.
Und dort sitze ich dann einfach so da, bis die Sonne untergeht.





