Esposende –> Viana do Castelo / 26km

„There’s so much life to live and if you just keep on breathing and keep on walking, you will get through everything.“

Ich verlasse das kleine gemütliche Gasthaus mit – natürlich – Regen. Kein Problem, die Schuhe sind eh noch nass. Ich starte früh, gegen 6:30 Uhr. Keine Ahnung wieso, aber ich bin wach und dann kann es auch losgehen. Raus aus Esposende, finde ich ein kleines Café an einem Supermarkt. Als ich reingehe und nach einem Cappuccino frage, sagt der Typ in meinem Alter mir, dass sie eigentlich noch nicht geöffnet hätten. Schade, denke ich und direkt darauf sagt er, dass ich warten solle… er würde mir einen Kaffee machen. Ich schaue in die Auslage, die er begonnen hat zu füllen und frage lieb nach einem Croissant. Ich bekomme beides mit einem Lächeln und zahle für einen wirklich guten Kaffee und das Croissant 2 Euro. Wenn er wüsste, dass er mir den regnerischen Morgen so verschönert hat! Aber vielleicht weiß er es auch. Wir lächeln uns gegenseitig zu als ich gehe. Ich merke, wie ich mich mittlerweile über kleine Dinge so sehr freuen kann. Es bereitet mir fast ein Gefühl von „Was kann heute noch schief gehen, wenn der Tag so schön beginnt?“
Wie dankbar ich dafür bin.
Wie selten ich mich zu Hause über Kleinigkeiten freue.
Und aber auch, wie selbstverständlich der Konsum von Kaffee am Morgen und gesicherte/regelmäßige Mahlzeiten zu Hause sind. 

Während ich so laufe, klart es ein bisschen auf. Grund genug sich noch mehr zu freuen.

Ich finde am Wegesrand einen kleinen Kasten, der einen Stempel, liebe Worte und ein Armband spendiert. Dafür erhält der Schöpfer von mir eine Spende. Offensichtlich lebt er in dem Haus dahinter und ist selber Pilger.
Zwischendrin schauert es immer wieder und während ich so den gelben Pfeilen folge, finde ich mich irgendwann zwischen Wäldern und steilen kleinen Straßen in irgendwelchen Dörfern wieder. Jedes „da Costa“ auf den Schildern kommt mir falsch vor, während ich so bergauf hechle und nicht einen Fitzel der Küste sehe. Mir begegnet in einem Dorf ein Hund. Ich spreche ihn an: „Hey Buddy… how’re you doing, hm? Wanna walk the Camino with me?“
Es dauert einige Sätze, bis ich doll lachen muss. Warum rede ich mit dem armen Kerl englisch? Es ist ein Hund. Er würde mich weder auf deutsch, portugiesisch noch auf englisch verstehen. Aber ich bin vermutlich exsikkiert. Ich checke die Lage und stelle fest, dass er mir wohlgesonnen ist. Also streichle ich ihn und teile ein Stück meiner Banane. Er folgt mir darauf einige hundert Meter. Ich fange gerade mir Gedanken zu machen, was ich mit ihm tun soll, bis er plötzlich stehen bleibt und umdreht.
Bye my friend!

Ich treffe wenig später einen Kanadier, der in dem gleichen Tempo stöhnt wie ich. Er äußert seine Verwunderung, schließlich dachte er, er würde den Küstenweg pilgern. Er sei einfach nur den Pfeilen gefolgt. Ich antworte in halben, atemlosen Sätzen: „Me too! Thought i would walk by the coast, jump into the ocean sometimes. Watch me now! Hiking the rainforest und climbing up to Hollywood Hills!“
Wir müssen beide ein bisschen lachen, kommen ins Gespräch und trennen uns aber auch wenig später mit einem „Buen Camino!“

600 Höhenmeter zeigt Outdooractive mittlerweile an. Während ich nach knapp 25km auf Viana do Castelo zulaufe und das Heiligtum der Santa Luzia aus der Ferne auf dem Hügel bewundere, fällt mir erschrocken auf: meine Albergue liegt genau daneben. Also muss ich irgendwie auch noch dort hoch. Bei der Buchung dachte ich noch, wie schön es sein muss dort aufzuwachen und auf Viana herunterzuschauen. Ich Genie!
Ich laufe über die Brücke in den Ort und versuche die Schilder zu lesen. „Elevador Santa Luiza“. Ach ich bin doch ein Glückspilz. Ich muss nicht hochlaufen, ich kann fahren. 

Ehe ich mich versehe, befinde ich mich in einer Schlange mit einigen Touristen für die kleine Bergbahn. Also warten. Hinter mir beobachte ich einen Pilger, der die Menschen zählt, die vor uns sind. Offensichtlich kein unbegründetes Vorhaben. Die Bahn fährt alle 15 Minuten und nimmt nur 15 Personen mit. Ich frage ihn, wie viele er gezählt hat. Schnell stellen wir fest, dass wir auf deutsch weiterreden können. 
Sowieso kommt bei allen Gesprächen die ich hier führe ziemlich zügig die Frage „Where are you from?“ noch bevor man nach dem Namen fragt. Innerlich fülle ich nach jeder Antwort meine Landkarte. 
Wir kommen ins quatschen und nach 20 Minuten sagt Matthias: „In der Zeit hätten wir es locker zu Fuß geschafft!“ Ich denke kurz nach. Ich zähle kurz nach. Na gut. Er hat irgendwie recht. Wir stehen noch länger hier, als wir laufen würden. Es ist warm und die Schlange lang. Also sage ich ihm, dass ich wieder Kraft getankt habe und wir gemeinsam hoch laufen können, wenn er möchte. Gesagt, getan. Wir verlassen die Schlange und nach einer Minute kommt er – wie für Lehrer üblich – mit den wichtigen Informationen: 600 Stufen aufwärts geht es gleich. Ich lache. gleichzeitig aus Erheiterung und Verzweiflung. 
Auf dem Weg nach oben unterhalten wir uns weiter. In halben Sätzen. Mehr lässt mein Lungenvolumen nicht mehr zu. 
Zwischendrin bestärkt er mich, wie krass gut ich bin, dass ich das nach 26km noch auf mich nehme und er zaubert mir damit ein Lächeln in mein atemloses Gesicht… denn eigentlich ist das auch der Weg, den ich viel schöner finde. 
Oben angekommen trennen sich direkt unsere Wege. Seiner geht in die Kathedrale, meiner in die Herberge – Schuhe ausziehen, Bett suchen, verschnaufen. 

Ich bin tatsächlich noch die erste in meinem 8-Bett Zimmer, also schnappe ich mir ein Bett, beziehe es (goldene Rettungsdienst-Regel: immer erst Bett beziehen, man weiß nicht was noch passiert), hänge noch ein paar nasse Klamotten auf und verschnaufe kurz. Plötzlich betritt Helena den Schlafsaal. Wir staunen beide nicht schlecht. Was für ein Zufall, dass wir uns hier und dann auch noch im gleichen Zimmer wieder treffen. Wir tauschen uns über unsere Wege aus.
Nebenan im Schlafraum zieht Paula ein. Helena kennt sie schon aus einer anderen Unterkunft. Paula kommt aus Taiwan und läuft ebenfalls alleine den Camino. 

Auf der Suche nach meinem Ankunftsbier und etwas zu essen, gehen Helena und ich ins Café.
Am Ende des Tages sitzen wir drei auf dem Berg, schauen dem Sonnenuntergang zu und unterhalten uns ausgiebig über alles mögliche. Es ist ein schöner Abend und es tut gerade sehr gut, sich auszutauschen und nicht alleine zu sein.
Am Ende des Tages falle ich das erste mal so WIRKLICH erschöpft ins Bett und feiere mich selbst nochmal ein bisschen dafür, dass ich die 600 Stufen auf mich genommen habe. Auch das schnarchen von drei Leuten kann mich nicht davon abhalten ganz wunderbar zu schlafen.

Paula hat auch die coolsten Nägel auf dem Camino!

Bisschen wie auf Klassenfahrt abends im Bett noch was snacken… nur dass es hier Snacks aus Taiwan waren. 🙂