Ponte Sampaio –> Pontevedra / 13,3km

„Love is appreciation.“

Wetter, Laune und Motivation sind am Morgen gut. Ich starte wieder relativ früh. Vermutlich werde ich das die nächsten Tage so beibehalten. 

Nach ungefähr 5km verlasse ich wieder ein Waldstück und entdecke eine kleines irgendwie selbstgebautes Café. Wellblech bietet Schatten, Musik spielt und es riecht nach Kaffee. Grund genug einzukehren. Ich bestelle ein Croissant und einen Kaffee und setze mich auf einen Heuballen. Nach und nach gesellen sich so einige Pilger:innen dazu. Die Stimmung und der Kaffee sind gut. 

Als ich weiterziehe merke ich, dass es mir nach und nach leichter fällt, die Höhenmeter zu bewältigen. Das ist ein gutes Gefühl. 

Ich merke aber auch, dass die Wege voller werden. Es wurde mir in Vigo bereits prophezeit, dass ab dort viele Menschen ihren 100km Camino starten und zudem die Wege langsam alle zusammenführen. Man erkennt ziemlich zügig, wer schon länger läuft und wer jetzt diese Etappen unter anderem als sportliche Herausforderung benutzt. Mehr als einmal ziehen Menschen mit Wasserblase auf dem Rücken, im Stechschritt an mir vorbei. Egal ob bergauf oder bergab. Ich muss dabei aufpassen, nicht in meinen mühsam abtrainierten Schritt zu verfallen. 

Wer nicht an mir vorbeizieht sondern eher erstaunlich lange auf meiner Höhe läuft ist S. (ich bin ehrlich – ich habe den ganzen Namen leider vergessen). Er und ich kommen irgendwie ins Gespräch und beginnen mit dem üblichen „Woher kommst du? Woher kommst du heute? Wohin gehst du heute? Warum läufst du?“ aus all diesen Fragen und Antworten ergeben sich 10km gemeinsame Zeit und Gespräche. Wir reden übers alleine reisen. Er hat da reichlich Erfahrung. In den verschiedensten Ländern, auf den verschiedensten Kontinenten. Er empfiehlt mir, unbedingt alleine Costa Rica zu bewandern. Wir sprechen auch darüber, was für Erkenntnisse wir bisher auf dem Jakobsweg gesammelt haben. Lapidar sage ich, dass sich bei mir noch nicht so viel eingestellt und geändert hat und nach einigen Fremdreflexionen ändere ich meine Meinung. Wir sprechen beispielsweise über den Regen der ersten Tage. Ich sage ihm, dass ich irgendwann nicht mehr drüber nachgedacht habe. Ich bin einfach gelaufen. Ich konnte es ja nicht ändern. „Ich verspreche dir, wenn es das nächste Mal zu Hause an einem freien Tag regnet, dann ärgerst du dich nicht mehr so sehr darüber, wie vorher!“ vermutlich hat er recht. Wovon sollte es mich abhalten?

Der Weg gabelt sich und leider fehlen die Pfeile. Er holt sein Handy heraus, schaut kurz drauf und entscheidet kurz danach, wo wir lang müssen. Hier scheinen die Gesetze meiner Natur außer Kraft – ich vertraue auf einen fremden Mann und folge ihm. Ich verlasse mich auf sein Wort. Total verrückt.

Meine Etappe ist heute absichtlich eher kurz geplant und in Pontevedra trennen sich nach einer kurzen Umarmung unsere Wege.
Diese Begegnung war eine gute.

Noch eine Stunde zum Check-In, setze ich mich draußen in ein Café, trinke Kaffee, esse einen Napolitaner und Churros (die gab’s gratis – noch immer völlig überbewertet) und will gerade wieder losgehen, als ich meinen Namen höre. Mein Hirn ist nicht schnell genug, um zu entscheiden nicht hinzuschauen, weil das ja eigentlich gar nicht sein kann. Ich schaue hoch und sehe Helena. Wir sitzen offensichtlich einige Zeit gemeinsam in diesem Café und haben es nicht bemerkt. Ich freue mich sehr und setze mich kurzerhand zu ihr und ihrer Begleiterin an den Tisch. Ich höre Geschichten über Verletzungen, Blasen an den Füßen nach den endlosen Tagen Regen und auch dass einige die Entscheidung zum Abbruch des Caminos treffen mussten.

Es tut mir für alle Betroffenen so leid. Unvorstellbar, wie schwer diese Entscheidung sein muss. Ich bin wirklich blessed, dass es mir all die Tage körperlich so dermaßen gut geht. Dankbarkeit stellt sich ein. Ein gutes, viel zu selten wahrgenommenes Gefühl. 

Helena und ich beschließen, dass wir uns später wiedersehen möchten. Vorerst gehe ich einchecken.

Der Mitarbeiter in der Albergue ist nicht sonderlich freundlich, aber ich bekomme mein Bett im 10-Bett Zimmer, nachdem ich meinen Rucksack, meine Schuhe und mich gegen Bettwanzen eingesprüht habe. Den hygienischen Standard finde ich immerhin sehr ansprechend. 

Was die Freundlichkeit angeht, empfinde ich(!) den direkten Unterschied zwischen Portugal und Spanien schon extrem. Mit überfahren der Grenze, nehme ich die Menschen schlecht gelaunter wahr und auch das englisch sprechen wird irgendwie komplizierter. Aber das ist eine ganz persönliche temporäre Empfindung, denn meine letzten Aufenthalte in Spanien waren eher das Gegenteil. 

Ich laufe nach dem duschen und Wäsche waschen durch die wunderschöne Altstadt von Pontevedra. Ich bin dankbar für diesen Tipp aus der Heimat. Diese Etappe zeitig loslaufen und früh ankommen, war die richtige Entscheidung. Ich kehre in einer Bar an der Kathedrale ein. Witzig, dass es zum Bier immer einen Snack gibt. Wenn ich jetzt nach jedem Bier das Lokal wechsle, dann habe ich am Ende gratis Abendbrot gegessen. (Folgt mir nicht für Reisetipps.)

Hab‘ bis eben gedacht da steht Plaza de Churros… tut’s ja gar nicht. 😦

Ich gehe kurz in die Unterkunft und verschnaufe auf der Terrasse. Ein Typ gesellt sich zu mir. Er erzählt mir im laufe unseres Gesprächs, dass er von Costa Rica kommt und ich muss lachen. Bevor er verunsichert ist, kläre ich ihn auf. Er bestätigt die Aussage von S. – Costa Rica sei traumhaft. 

Unsere Unterhaltung ist eher kurz, ich will mich schließlich mit Helena treffen. Aber da wir beide im gleichen Hostel schlafen, sehen wir uns bestimmt später. 

Helena und ich gehen nach unseren ersten Getränken gemeinsam in eine Tapas Bar, die laut Karte im Internet (endlich mal) vegetarische Tapas anbietet. Ein zweiter Grund warum wir dort einkehren, ist der Name der Tapas Bar – Tabula Rasa. 

Während wir so in unser Gespräch vertieft sind, taucht jemand auf, der suchend aussieht. Er ist Deutscher und auf der Suche nach einem Lokal zum Abendessen. Nachdem er gehört hat, dass wir uns auf deutsch unterhalten, begibt er sich zu uns. Helena und ich bieten ihm natürlich einen Platz an unserem Tisch an und so sind wir plötzlich zu dritt. Das ist der Vibe, den ich hier liebe. Wir verbringen einen guten Abend. Um 22 Uhr trennen wir uns mit den gleichen Worten wie immer: vielleicht sieht man sich nochmal.  

…wenn der Weg es will.