Viladesuso –> Baiona / 18,7km
„The best way out is always through.“

Ich liege morgens gegen 8 Uhr wieder wach im Bett. Immernoch eine wunderbare Zeit. Ich kann wieder vorerst liegen bleiben. Ich denke über die zurückliegenden Tage nach und darüber, dass über die Hälfte meiner Reise vorbei ist. Ich wünsche mir, dass sie nie endet. Ich mag wie ich hier bin und ich mag wie alles läuft. Ich liege im Bett und google: „französischer Jakobsweg“. Die Ergebnisse: „800km lang. Zwischen 30 und 40 Etappen. Über die Pyrenäen. Ein wenig anspruchsvoller als der portugiesische.“
30-40 Etappen. Also mindestens 4 Wochen Urlaub. Eher 6 Wochen.
Wenn ich meinen Job behalten will, dann wohl nicht nächstes Jahr. Aber vielleicht 2028? Ich hätte Lust. Sommer oder Herbst?… wie sind denn da die Temperaturen? Und kann ich… okay – Moment. Stopp.
Ich stehe auf und ziehe die Vorhänge zurück. Irre. Ich habe noch nicht mal die erste Reise beendet und will schon zur nächsten aufbrechen. Also versuche ich mal im hier und jetzt zu bleiben. Ich freue mich über den Ausblick aufs Wasser. Und ich freue mich darüber, dass ich keinen Regen sehe. Ich stehe einen Augenblick da und gähne vor mich hin. An meinem Fenster laufen die ersten Pilger:innen vorbei.





Nach circa 5km erreiche ich einen Campingplatz. Ich hatte ursprünglich sowieso den Plan, so alle 5km Pause zu machen. Da dachte ich aber auch noch, dass ich bei über 30°C in der Sonne laufen würde. Nichtsdestotrotz nehme ich das Restaurant mit dem Pilgerfrühstück in Anspruch. Da ich vor dem laufen nicht so wahnsinnig viel essen kann und möchte (das habe ich nach dem reichhaltigen Frühstück am ersten Tag festgestellt), beschränke ich mich auf einen Cappuccino, ein Croissant und ein bisschen austauschen spanischer und deutscher Vokabeln mit dem Typen hinter dem Tresen.
Danach bin ich euphorisch. Die Küste, das Laufen, das Denken – alles macht mir Spaß.



Ich fange an, mich über keinen Weg mehr zu wundern. Der gelbe Pfeil zeigt in eine Richtung, in der es aussieht als würde man in kürze eine Klippe runterstürzen? Kein Problem.
Er zeigt in eine Richtung, in der man einen halben Meter entfernt von den Autos auf einer Schnellstraße laufen muss?
Kein Problem.
Der Jakobsweg gibt mir immer genau zur richtigen Zeit das, was ich brauche. Also auch das Vertrauen darin, dass die Autofahrer bei 160km/h nicht ausversehen die Kontrolle über ihr Fahrzeug verlieren und mich elendig an der Leitplanke elendig.
Wenn ihr das hier lest, ging es offenbar gut.

Aber tatsächlich ist an diesem pathetischen „Der Weg gibt dir nicht das, was du willst, sondern das was brauchst.“ etwas dran.
Ich habe den ganzen Regen nicht gewollt. Ich will so einige aufkommende Gefühle und Erkenntnisse wirklich nicht. Aber ich brauche eigentlich genau das.
Wenn ich Wasser brauche, kommt ein Supermarkt. Wenn ich eine Toilette benötige, kommt eine. Wenn ich Hunger habe, kommt ein Café. Es ist schon ein bisschen magisch.
Ich sehe viele Frauen, die alleine pilgern. Bei weitem nicht so viele, wie ich Paare oder Freunde sehe, aber dennoch einige.
Ich denke darüber nach, dass ich mich schon den ganzen Weg über sehr sicher fühle. Ich laufe komplett ohne Angst. Vor allem ohne die Angst, dass mir etwas passieren könnte. Zu Hause machen sich sicher alle Sorgen und ich muss etwas darüber schmunzeln. Es erscheint mir deutlich gefährlicher, als ich damals mit meinen zarten 20 Jahren zum Fußball ins Stadion gefahren bin oder wenn ich mir heutzutage in irgendwelchen Städten die Nächte um die Ohren schlage. Ich bin nie sicher, einfach schon deshalb, weil ich eine Frau bin, aber selbst im Schlafsaal mit 8 fremden Menschen weiß ich, wir sind alle für das gleiche hier. Wenn auch aus verschiedenen Gründen. Aber wie auch immer: das weiß ich, wenn ich nachts zu Hause unterwegs bin, nicht immer…
Ich sehe einen Aufkleber auf einer Laterne, auf dem steht: „What are you walking for?“ und beginne, mir darüber Gedanken zu machen.
In erster Linie lautet die Antwort vermutlich „For fun.“
Aber wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, dann steckt mehr dahinter. Der Jakobsweg steht schon sehr lange auf meiner Bucketlist. Muss cool sein. So knapp 300km laufen. Alleine. Am Ende eine Urkunde. Die Erfahrungen und die Begegnungen. Bestimmt verändert einen das krass doll und so. Diesdas.
Aber die letzten Tage ist etwas anderes daraus geworden.
Ich laufe, weil ich versuche aus mir einen Menschen zu machen, den ich selbst wieder leiden kann.
Die, die mich kennen, rollen vermutlich jetzt mit den Augen. Die mögen mich – hoffentlich – genau so wie ich bin. Aber oft sehe ich mich selbst ganz anders. Ich wäre gerne schlauer. Ich wäre gerne mutiger. Ich wäre gerne fitter. Ich wäre gerne cooler. Ich wäre gerne fairer und ich wäre gerne noch reflektierter. Ich wäre manchmal gerne alles, aber nicht ich. Ich wäre vor allem manchmal gerne wieder wie früher. Ich wäre gerne kontaktfreudiger. Ich will manchmal aufhören zu wollen, dass mich jede/r mag. Ich will gerne komplett ungehemmt vor die Tür gehen. Ich will ehrlich zu mir selbst sein. Ich will ehrlich zu anderen sein.
Hier bin ich irgendwie all das. Vielleicht kann ich ein bisschen was davon mitnehmen.



Apropos mutig: Ich laufe gerade nur einen schmalen Weg, als ich es rascheln höre und nach links schaue. Da stehen sie plötzlich: zwei wilde Pferde. (Bisschen wie bei Pokémon.) Ich bleibe stehen. Der vordere schaut mich an. Ich zücke die Kamera und fotografiere. Glaubt einem ja niemand! Irre! Einfach… ey. Während ich so staune, läuft der eine los.
Das Tier stellt sich auf mitten auf den Weg und fängt an genüsslich auf irgendwas rumzukauen. Ich gehe einige Schritte zurück. Pferde. Warum gerade Pferde?! Können es nicht einfach wieder Straßenhunde sein? Ich mag keine Pferde. Und jetzt steht der auch noch mitten auf diesem schmalen Weg, so dass ich nur hinter ihm langschleichen kann und hinter Pferden darf man nicht langgehen, sonst stirbt man! Weiß man ja. Ich versuche ein lautes Geräusch zu machen. Er schaut zu mir und kaut weiter. Von wegen Fluchttiere. Oder der hier ist besonders dumm.
Was tun? Ich könnte zurückgehen und einen anderen Weg suchen oder auf die beiden Pilger warten die hinter mir waren und ihnen gestehen, dass ich Angst vor Pferden habe. Pah.
Ich werde wohl an dem Gaul vorbei müssen. Also fange ich an zu reden und quatsche ihn voll, während ich langsam vorwärts gehe. Sein Kumpel aus dem Gebüsch schaut interessiert. Er selbst steht nur da und ignoriert mich. Ich schaffe es an ihm vorbei (durchs Gebüsch. Dornen und so. Machen wir uns nichts vor. Ich hatte schiss. Nichts heldenhaftes. Viel aua. Pferd hat gewonnen.)

Horror-Horse.
Landschaft schön, Zielort wieder mittelmäßig schön. Vor allem wieder weit ab der Zivilisation. Also kaufe ich mir eine Kleinigkeit ein und ziehe mich zurück ins Zimmer.
Den Abend schaue ich ein bisschen Netflix. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass ich mir das stumpfsinnige ablenken verdient habe.