Vigo –> Ponte Sampaio / 27,1km
„One of the gifts that the Camino offers is the freedom to be yourself. This freedom is liberating.“
Die Nacht mit 20 anderen Menschen war erstaunlich ruhig und ich habe gut geschlafen. Möglicherweise hatte ich einfach Glück. Ich werde wach, weil sich offensichtlich einige Menschen gleichzeitig auf den Weg machen. Als ich um 7 Uhr dann durch den Schlafraum schleiche, sind einige wenige Betten schon leer.
Ich sehe einen Mann, der mit dick bandagierten Knie auf der Bettkante sitzt. Auch er tut mir irgendwie leid.
Ich habe wirklich großes Glück. Ich habe die ganze Tour über keinerlei Probleme. Ich habe keine einzige Blase, keine Druckstellen und keinerlei Schmerzen. Allerhöchstens hatte ich ein oder zwei morgende den Ansatz eines Muskelkaters. Aber spätestens nach den ersten Schritten verschwand auch der wieder. Natürlich merke ich auch spätestens nach Kilometer 20 so langsam meine Beine, aber das ist eher ein schweres Gefühl, wie nach einer anstrengenden Schicht, als Schmerzen. Ich bete, dass es so bleibt.
Ich dachte wirklich, ich wäre unsportlicher. Ich kann also nur empfehlen: Lauft den Camino. Ihr werdet feststellen, dass es um eure mentale Gesundheit schlechter steht, als um eure körperliche. Helfe gerne.






Die Stadt erwacht langsam zum Leben, als ich so durch die Straßen laufe. Beim ersten ansprechenden Lokal mache ich wieder Halt für Cappuccino und Croissant. Im Café stellt sich ein älterer Spanier mit seinem Espresso vor meinen Tisch und fängt an zu reden. Ich verstehe offensichtlich noch immer kein spanisch. Gut zu wissen. Ich sage ihm nett, dass es mir leid tut, aber ich leider nur englisch spreche. Er schüttelt den Kopf. „No English.“ und redet weiter eine Menge auf spanisch. Offensichtlich stellt er auch Fragen, wenn ich sein Gesicht richtig lese. Ich sage ihm erneut, dass ich nur englisch spreche und füge ein lächelndes „or german!“ hinzu. Er schüttelt wieder den Kopf, fragt „Français?“ und redet wieder los. Ich vermute irgendwas zwischen französisch und spanisch. „Je ne parle pas français.“ sage ich. (Das ist übrigens alles was ich kann. Oh… und Baguette! Und ob jemand mit mir schlafen will, aber ich möchte sein Baguette wirklich nicht sehen.)
Er wirkt langsam etwas ungehalten. Er ändert zwar die Sprache nicht, aber die Lautstärke. Ich höre irgendwas mit „Camino“ raus und sage „Yes i’m walking the Camino portuguese!“ er schüttelt wieder den Kopf. Jetzt spricht er glaube ich wieder französisch. Ich will nicht unhöflich sein, aber ganz offensichtlich führt das hier ja zu nichts, weshalb ich mich leicht wegdrehe, mir ein Stück Croissant (ha! Noch ein Wort, das ich kenne!) in den Mund schiebe, ihn mit vollem Mund anlächle und einen Daumen hoch zeige. Er zögert, sagt „Buen Camino!“ und geht. Danach unterhält der sich mit der Bedienung. Möglicherweise darüber, wie unhöflich ich bin. Zu Hause hätte mich so eine Situation wohl zumindest etwas unwohl fühlen lassen. Hier kaue ich vor mich hin und freue mich einfach, dass Cappuccino und Croissant so lecker sind. Das ist mein Weg und vor allem mein Montagmorgen. Den lasse ich mir nicht ungemütlich machen.
Nach den ersten Kilometern geht es – endlich mal wieder! Hurra! – bergauf. Ich hätte nie damit gerechnet, dass dieser Weg so bergig ist. Absolut machbar, aber im vorwege habe ich gelesen, dass er die meiste Zeit ziemlich gerade verläuft. Das kann ich nicht bestätigen.
Ein wenig vor mir läuft ein Pärchen. Sie drehen sich um und laufen rückwärts bergauf weiter. Ich muss lachen. „It‘s easier!“ sagt er. Ich teste es. Er hat recht! Zumindest ein wenig. Und so laufen wir drei rückwärts und lachend einige Meter den Berg hinauf. Auch hier ist die Verständigung wieder schwierig. Sie sprechen mehr portugiesisch, als englisch. Aber in diesem Fall ist es nicht schlimm. Freude versteht man auf allen Sprachen. Oben angekommen machen wir noch gegenseitig Fotos von uns vor dem schönen Panorama und dann laufen wir im unterschiedlichen Tempo weiter.






In einem kleinen Waldstück kommt ein Australian Shepherd auf mich zugerast. Die Art von Hund, vor der man glaube ich grundsätzlich keine Angst haben kann, weil sie einfach immer zu niedlich sind. Kurz vor mir weicht er auf den Seitenstreifen aus und setzt sich kerzengerade hin. Er schaut zurück. Ich sehe niemanden und gehe an ihm vorbei. Hinter der Kurve kommt mir ein Mann entgegen. Er fragt mich direkt, wie ich heiße und woher ich komme. Dann hält er mir ein kleines Buch und einen Stift hin. Auf der vorigen Seite sehe ich mindestens 10 verschiedene Namen und Orte. Ich frage ihn, was er damit macht und er sagt mir, dass er so seine Begegnungen sammelt und am Ende des Tages weiß, wem er einen guten Tag und einen guten Weg gewünscht hat. Irgendwie niedlich. Ich schreibe mich dazu und frage ihn, ob der Hund seiner sei. Er lächelt breit, gibt einen kaum hörbaren Pfiff von sich und der Hund kommt eine Sekunde danach wieder kerzengerade neben ihm zum sitzen. Fast wie Mello!…
Er fragt, ob ich einen Stempel haben möchte und ich bejahe. Wohl mit einer der süßesten Stempel, den ich so bekommen soll.







Bei 26°C und meiner längsten Etappe auf diesem Camino, geht es bergauf und bergab. Zwischenzeitlich zeigt mir ein Schild, dass ich mich entscheiden kann, ob ich 5 Minuten den Weg bei 15 Grad Steigung oder 15 Minuten den Weg bei 7 Grad Steigung nehmen will. Ich lasse mal offen, wie ich mich entschieden habe. Für mich war es klar. Seelenlos, wer anders entscheiden würde.
Die letzten 800 Meter vor der Unterkunft kommt ein Supermarkt. Eiskalte Cola! Das wäre es jetzt! Die gönne ich mir und stelle fest: 27km, über 6h laufen, 1 Liter Wasser und ich war nicht einmal Pipi. Wohl alles ausgeschwitzt.
Als ich ankomme, bin ich ziemlich erschöpft. In dieser Albergue werde ich das erste Mal in Einweg-Bettwäsche schlafen. Bestimmt nicht angenehm, aber mit Sicherheit schöner, als die ganzen Wolldecken, die man in Portugal und Spanien immer auf jedes Hostelzimmerbett geschmissen bekommt. Als ob ich die nutzen würde.
Zur Albergue gehört auch ein Restaurant/Bar. Das trifft sich gut. Rehydration ist wichtig!






Nach einer kleinen Ortstour, schmeckt das Sandwich am Abend auch sehr gut. Was ich allerdings nicht verstehe, ist diese spanische Tradition von Kaffee nach dem Essen. Ich habe mein volles Bier vor mir stehen, mein leerer Teller wird abgeräumt und die Bedienung fragt, ob ich einen Kaffee möchte. Ja, Kaffee zu meinem Bier wäre super, danke! Ich beobachte das (auch in Portugal) schon die letzten 12 Tage: bis spät abends sitzen die Menschen draußen und trinken Kaffee. Ich finde den Gedanken nach dem Essen nicht direkt zu zahlen und aufzuspringen charmant, aber irgendwie werde ich damit trotzdem nicht warm.
Aber das muss ich ja auch nicht.
Schön anzusehen, wie Menschen einen guten Abend verbringen, ist es allemal.

